Heute hier, morgen dort - die RUTH 2012

Heute hier, morgen dort. Immer wieder neuen Menschen begegnen, in einem fremden Bett schlafen und dennoch ein Heimatgefühl mit im Gepäck zu haben. Das ist für die meisten Musiker Teil ihres Lebens. Für die meisten Besucher des TFF ist ständiges Unterwegs sein vermutlich eher die Ausnahme. Die jährliche Reise nach Rudolstadt aber ist ein geliebtes Ritual geworden und der schönste Moment der, wenn hinter der Saale-Biegung die Heidecksburg ins Blickfeld kommt. Das bedeutet nämlich, vier Tage lang zuhause sein unter Fremden und genau dieses Gefühl für eine Weile mit den Musikern auf den vielen Bühnen des Festivals zu teilen.


Ein Höhepunkt des TFF ist die Vergabe des Deutschen Weltmusikpreises, die RUTH. Leidenschaftlich, engagiert, doch kritisch hatten sich die Mitglieder der RUTH-Jury dafür wieder in die Arbeit gestürzt, zum letzten Mal übrigens in dieser Besetzung: Achim Bergmann (Trikont Label Chef, RUTH Preisträger), Urna Chahar-Tughi (Mongolische Musikerin, Ruth-Preisträgerin), Torsten Hinger (Veranstalter NATO-Club Leipzig), Jiri Plocek (Folkmusiker und Hörfunkredakteur Brünn/Tschechien) und Petra Rieß (Musikwissenschaftlerin und Journalistin aus Hamburg, Vorsitzende).


Wir freuen uns besonders, dass wir mit der „Besonderen Expertise“ diesmal zwei Menschen auszeichnen können, die den vielen Folk- und Weltmusiktönen seit Jahren ein graphisches Gesicht geben: Gertrude Degenhardt und Jürgen B. Wolff. Dieser ist seit 1990 Chefgrafiker des TFF Rudolstadt. Seine Plakat-, Programmheft, CD, Bühnen- und Stadtgestaltung machen das Festival optisch unverwechselbar. Einmalig sind auch Gertrude Degenhardts wilde, bunte ungezähmte Musikergestalten, die in den 1970er und 1980er Jahren Plakate und Schallplattencover zierten.

Wie würde sie wohl Die Strottern zeichnen? Im alten Wien war ein Strotter ein Gauner, ein Landstreicher, einer, der nach Verwertbarem sucht. Klemens Lendl, Geige  und David Müller, Gitarre sind „Die Strottern“. Sie haben das alte Wiener Lieder klug aufpoliert, musikalisch mit Elementen des Jazz und Blues, bissig humorvoll in den Texten. Deshalb und für ihr jüngstes Projekt, die Strottern in Blech, geht die Deutsche RUTH 2012 an die Gauner aus Wien.

Auch das Al Andaluz Projekt ist auf alte Lieder spezialisiert: Das Münchner Alte Musik Ensemble Estampie hat sich dafür mit Musikern der spanischen Gruppe L’Ham de Fóc zusammen getan. Sie lassen das einst maurisch regierte Spanien, das bekannt war für religiöse Toleranz, als drei wichtige Kulturen moslemischer, jüdischer und christlicher Ausprägung sich noch friedlich begegneten, im 21. Jahrhundert neu aufleben. Dafür bekommt das Projekt die Globale RUTH 2012.

Die RUTH für das Lebenswerk wird in diesem Jahr an einen der bekanntesten deutschen Liedermacher vergeben: Hannes Wader. „Heute hier, morgen dort“ ist auch bei denen zum Ohrwurm geworden, die mit Waders Liedern sonst wenig am Hut haben. Kritisch und streitbar, sensibel und poetisch steht er bis heute auf der Bühne. Im Juni wird Wader seinen 70sten Geburtstag feiern können – am ersten Juliwochenende feiern wir ihn und die anderen RUTH Preisträger dann wie gewohnt auf der Bühne der Großen Heidecksburg.

Petra Rieß - Juryvorsitzende RUTH 2012